
Wir könnten uns viel Frust und manchmal auch viel Leid ersparen, wenn wir uns öfters trauen würden, echte Fragen zu stellen und «von Herzen zu sprechen». Leider hindert uns unsere gute Erziehung daran.
Anna, 73, und ihr Bruder Karl, 71, hatten es immer gut zusammen. Beide sind verwitwet, und so verbrachten sie jahrelang ihren Urlaub gemeinsam. Sie unternahmen schöne Reisen und hatten nie Streit. Mit der Zeit begab es sich, dass Karl öfters an Anna herum kritisierte, was ihm diese sehr übel nahm. «Ich kann ihm gar nichts recht machen», klagte Anna ihrer Tochter. (An dieser Stelle kann man sich fragen, warum Anna ihrem Bruder irgend etwas sollte recht machen müssen, aber das ist eine andere Geschichte.)
Annas Tochter riet ihr, den Bruder doch einfach nach dem Grund für sein Verhalten zu fragen. Das aber kommt für Anna nicht in Frage, denn das gehört sich nicht – und «man weiss ja nie, was man für eine Antwort bekommt». Lieber zieht sich Anna zurück und beschränkt den Kontakt zu ihrem Bruder (ihrem einzigen übrigens) auf ein Minimum. Sie verzichtet auf gemeinsame Reisen und feiert Silvester alleine anstatt wie sonst mit ihm. All das tut sie lieber, als ihm eine einfache, «echte» Frage zu stellen.
Dazu gibt es eine schöne Geschichte:
In dem siebenhundert Jahre alten Klassiker «Parzival» von Wolfram von Eschenbach wird auch dargestellt, wie es immer wieder dazu kommt, dass echte Fragen so selten gestellt werden. Ob Parzival Gralkönig wird, hängt davon ab, dass er zur rechten Zeit eine einfache Frage stellt.
Parzivals Mentor Gurnemanz erzog den jungen Ritter in dem höfischen Geist, den viele Eltern über Jahrhunderte gepredigt haben: «Frag nicht so viel!» So beherzigte Parzival – wie manche von uns vielleicht heute noch – den damals gültigen Verhaltenskodex und lernte seine Lektionen. Sein «höfisches« Benehmen verhinderte fast, dass er Gralkönig wurde.
Als Parzival die Gralsburg betrat, schienen dort alle auf irgend etwas sehr Wichtiges zu warten. Der schwer verwundete, leidende König wurde auf einer Bahre hineingetragen, und Parzival wagte aus Höflichkeit nicht, ihn anzusprechen.
Am folgenden Morgen erwachte Parzival und fand das Schloss verlassen vor, nur ein Wachposten war noch dort, der ihn verfluchte, weil er seine Chance vertan hatte.
Parzival wurde in den folgenden Jahren ein angesehener Ritter, aber er blieb beständig auf der Suche nach seiner eigentlichen Erfüllung. Schliesslich fand er noch einmal den Weg zur Gralsburg und wurde dort wieder mit freudiger Erwartung empfangen. Als er auf den Gralkönig Anfortas traf, den Parzival dieses Mal als seinen Onkel erkannte, liess er sein Herz anstelle seiner guten Erziehung sprechen. Er beugte sich zu dem offenbar leidenden König herab und fragte ganz einfach: «Oheim, was fehlt dir?»
Diese echte, mitfühlende Frage heilte seinen Onkel und ermöglichte es Parzival, seiner Bestimmung gemäss König des Heiligen Gral zu werden.
(Aus: Miteinander denken. Das Geheimnis des Dialogs, von M. & F. Hartkemeyer/L. Freeman Dhority)
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