
Der Flegel vom Dienst: Dr. Cal Lightman, «Lie to me» (Screenshot VOXNow)
Sie scheren sich einen Dreck um höfliche Konversation und die üblichen Konventionen. Sie nennen Dinge beim Namen, die wir niemals auszusprechen wagten, treten anderen auf die Füsse und in den Hintern – und dafür lieben wir sie: Weil sie sich trauen.
Die Serienhelden Dr. Cal Lightman (Lie to me), Patrick Jane (The Mentalist) und Dr. Gregory House (himself) haben eines gemeinsam, nämlich keine Manieren in dem Sinne, wie wir das gelernt haben. Sie sagen den Leuten auf den Kopf zu, was sie über sie denken und stellen Fragen, um die sich andere endlos diplomatisch herumdrucksen würden. Unbekümmert treten sie in jedes Fettnäpfchen, das am Wegrand steht – und das sind im Grunde genommen gar keine Fettnäpfchen, denn die Herren Lightman, Jane und House kommen meist unbefleckt davon, haben am Ende meistens Recht und kriegen ein Sternchen für den guten Riecher, den sie wieder mal bewiesen haben. (Gut, bei Dr. House muss man unterscheiden: Beruflich top, privat gewöhnlich flop.)
In diesem Zusammenhang müsste man eigentlich auch Dieter Bohlen erwähnen, der in schöner Regelmässigkeit nervöse Superstar-Kandidaten zur Schnecke macht und dabei auch vor Fäkalsprache nicht zurückschreckt. Es stimmt: Auch der Herr Bohlen kümmert sich scheinbar nicht darum, was andere von ihm denken könnten, nur stehen viele seiner Äusserungen in krassem Gegensatz zu den Prinzipien der gewaltfreien Kommunikation, und deshalb kriegt er von mir null Punkte. Ich kann nichts Gutes darin erkennen, wenn man junge Menschen, die nicht singen, tanzen oder ihr Talent richtig einschätzen können, verbal unter die Gürtellinie tritt. Die Einschaltquoten der Sendung zeigen allerdings, dass das nicht alle so eng sehen.

Der Rüpel aus dem Krankenhaus: Dr. Gregory House, «Dr. House» (Screenshot Youtube)
Wahrscheinlich gibt es Studien darüber, warum Serienhelden und Protagonisten, die sich über Konventionen hinweg setzen, beim Publikum so beliebt sind. Ich denke, es geht darum, dass diese Helden etwas ausleben, das sich viele von uns nicht gestatten, nämlich kein Blatt vor den Mund zu nehmen, unverblümt sagen, was man denkt, ohne Angst vor der Reaktion. Dabei geht es um mehr als um das gute Gefühl, jemandem die Meinung zu sagen: Es geht darum, das eigene Leben so leben zu dürfen, wie man selber gerne möchte – nicht fremdbestimmt, sondern nach den eigenen Regeln.
Das Magazin der Süddeutschen Zeitung brachte jüngst einen Artikel mit dem Titel Nummer Eins der Reue. Er handelt von dem, was zahlreiche Patienten der Schwester Bronnie Ware auf dem Sterbebett anvertrauten, während es mit ihrem Leben zu Ende ging. Fünf unerfüllbare Wünsche bekam Schwester Bronnie besonders oft zu hören, und die Nummer 1 der Reue lautet: «Ich wünschte, ich hätte den Mut aufgebracht, ein Leben getreu mir selbst zu führen – statt eines, das andere von mir erwarteten.»
Dazu gehört eben auch, seine Meinung sagen zu können, anstatt immer nur ja und amen oder aufs Maul zu hocken, weil man nicht anders sein will als die anderen. (Individuell und einzigartig natürlich schon. Aber eben nicht anders.) Und dazu gehört, dass man seine Wünsche äussern kann und sagen, was man möchte oder nicht möchte. Dass man dem Gegenüber Fragen stellen und Dinge klären kann, die einen belasten oder die man nicht versteht.

Der Unbekümmerte im Polizeidienst: Patrick Jane, «The Mentalist» (Screenshot Youtube)
Ich weiss von Frauen, die seit 30 Jahren Freundinnen sind, aber es würde ihnen nicht einfallen, der anderen eine persönliche Frage zu stellen oder ein unangenehmes Thema anzusprechen. Lieber zieht man sich zurück und lässt die Freundschaft sausen, als sich zu exponieren und zu riskieren, dass die andere einem die Frage übel nehmen könnte.
Ich kenne Geschwister, die sich nach lebenslanger Harmonie im Alter nicht mehr verstehen und sich über die Macken des anderen aufregen, doch weil keiner den Anfang machen will, schweigen beide und gehen sich für den Rest ihres Lebens aus dem Weg.
Gestandene Eheleute klagen ihr Leid lieber ihren Kindern als dem Ehepartner, wobei der Ehepartner in vielen Fällen auch der vermeintliche Verursacher des Leids ist, doch anstatt die Sache unter Erwachsenen zu klären, wie es sich gehört, missbraucht man seine Kinder als Klagemauer. Weil man sich nicht traut, denjenigen direkt anzusprechen, den es betrifft.
Echte Fragen werden selten gestellt, weil wir uns vor den Konsequenzen fürchten, ohne dass wir diese Konsequenzen genau benennen könnten. Das Verrückte ist: Wir legen so viel Wert auf Individualismus, aber anders als die anderen wollen wir dann doch nicht sein. Würden wir pfeifen auf die Gruppenseele und unser eigenes Ding machen, könnten wir womöglich nicht mehr dazu gehören, unser Stamm könnte uns verstossen, also sind wir doch lieber brav und angepasst und geben uns der Illusion hin, abgefahrene Freizeitaktivitäten, ausgefallene Klamotten, schicker Designerkram, ein zur Schau gestelltes gutes Herz und demonstrative Bescheidenheit könnten uns eine Identität verleihen und die Aufmerksamkeit der anderen gewinnen.
Letzteres kann übrigens auch schlechtes Benehmen: Einer, der sich konsequent daneben benimmt, ein Gefürchteter, ein Polterer, ein Zyniker, ein Unruhestifter oder ein ewiger Querschläger bekommt vielleicht auf diese Weise, was sich jeder wünscht, nämlich einen Platz in der Gesellschaft, und sei der Platz noch so unbequem – und er als Mensch noch so unbeliebt. Ein Platz ist ein Platz, und jeder Platz ist besser als gar keiner.
Viele Menschen wünschen sich nichts sehnlicher, als gesehen und wahrgenommen zu werden. Sie möchten «jemand sein». Um das zu erreichen, hat jeder so seine Strategie. Manche versuchen es mit Anpassung, andere mit Ausscheren. Von Kindern weiss man: Lieber negative Aufmerksamkeit als gar keine. Das trifft auf manche Erwachsenen ebenso zu.
«Ich wünschte, ich hätte hätte mich getraut, ehrlich und aufrichtig zu sein, zu sagen was ich denke, zu tun was ich möchte und weniger Wert auf die Meinung anderer zu legen.» Wäre doch schön, wenn die Einsicht nicht erst auf dem Sterbebett käme.
Buchtipp (einmal mehr): Willst du normal sein oder glücklich?, von Robert Betz